In unserer Reihe „Offene Bildungsinfrastrukturen“ wollen wir Einblicke in erfolgreiche Bildungsprojekte geben, die mit Nutzung von Open-Source-Technologien offene und datenschutzfreundliche Lösungen entwickeln.
Freifunk München hat in den vergangenen Jahren ein freies WLAN-Netz in und um München mit mittlerweile etwa 1.700 Knoten aufgebaut. So sollen auch Menschen, die nicht so einfach ins Internet kommen, Internetdienste nutzen können.
Zusätzlich bietet Freifunk München aber auch freie, verschlüsselnde DNS-Server oder seit Beginn der Corona-Krise eine eigene Jitsi-Infrastruktur an. Wir haben mit Annika „awlnx“ Wickert und Matthias „krombel“ Kesler gesprochen, die die Videokonferenzplattform FFMeet zu zweit eingerichtet haben und jetzt in ihrer Freizeit betreiben. In den Spitzenzeiten der Ausgangsbeschränkungen gab es bis zu 1700 gleichzeitige Nutzer:innen auf der offenen Plattform, die als eine der größten in Europa gilt.
netzpolitik.org: Wie seid ihr darauf gekommen, selbst Jitsi-Server anzubieten?
Matthias: Grundsätzlich haben wir im Freifunk München regelmäßig Treffen, in denen wir uns über den aktuellen Stand austauschen. Durch Corona mussten wir eine Möglichkeit suchen, wie wir uns online treffen können. Da sind wir ziemlich schnell auf Jitsi gekommen als eine Open-Source-Plattform, die für unsere Anzahl von Nutzenden gut geeignet ist.
Wir haben das einfach ausprobiert: auf einem Server installiert und getestet. Weil das so gut funktioniert hat, haben wir direkt gedacht: Das wollen wir für mehr Leute anbieten. Das war noch ziemlich am Anfang von Corona und so war einfach der Bedarf für Videokonferenzplattformen da. Wir kannten die Technik und wollten das dann größer aufziehen.
netzpolitik.org: Wie kann ich mir das vorstellen? Ihr seid dann einfach hingegangen und habt Jitsi auf einem Server installiert?
Annika: Genau. Das ganze Projekt entstand, weil ich einfach mal eine virtuelle Maschine geklickt habe und ausprobieren wollte, wie das überhaupt funktioniert. Dann haben wir relativ schnell festgestellt, dass uns ein kleiner Server nicht reichen wird für wirklich viele Nutzer:innen. Weil wir beide aus der Systemadministrations- und Coding-Welt kommen, haben wir gleich gemerkt: Wir brauchen bessere Einsichten in das System.
Deswegen stand das Monitoring schon vor der Infrastruktur, um zu sehen: Was sind denn unsere Probleme? Wo gibt es Bottlenecks? Wo können wir skalieren oder wo bringt das überhaupt nichts? So ging es dann relativ schnell los. Ich habe über meine geschäftlichen Kontakte schnell Sponsoren gesucht, die uns Server bereitstellen können, wo wirklich viele direkt zugesagt haben. Dann haben wir uns eine Architektur überlegt, wie wir das skalieren können, sodass wir mehrere tausend User:innen eben versorgen können.
netzpolitik.org: Das heißt, ihr habt jetzt von verschiedenen Unternehmen Server bereitgestellt bekommen und habt dann quasi eine Cloud gebaut, um Jitsi wie aus einem Guss verteilt über verschiedene Rechenzentren anzubieten?
Annika: Genau. So haben wir den Vorteil, dass wir auch weitermachen können, wenn uns ein Provider wegbricht – was jetzt während der Corona-Zeit nicht so unwahrscheinlich war, dass Provider überlastet sind. Die mussten natürlich auch schnell Infrastrukturen erweitern und hochziehen. Deswegen haben wir von Anfang an versucht, dass wir da möglichst viele verschiedene ins Boot holen. So sprengt das auch nicht die Kosten für das ganze Projekt: Je mehr Schultern das tragen können, desto besser.
netzpolitik.org: Hat das alleine mit Jitsi funktioniert oder brauchtet ihr da noch andere Technologien, um die vielen einzelnen Server zu verbinden?
Annika: Das ist evolutionär gewachsen: Am Anfang war es wirklich nur Debian 10 und noch eine Videobridge, die den Video- und Audiotraffic weiterleitet. Weil die Kommunikation sowieso verschlüsselt zwischen dem Hauptserver in der Mitte und den Videobridges abläuft, reichte das. Die einzelnen Server haben wir wie eigene Maschinen behandelt, also selbst nach Bedarf aus- oder eingeschaltet. Mittlerweile ist ein Overlay-Netzwerk darüber gebaut. Dadurch verhält sich jetzt alles wie ein großes Netz. Damit wird auch zwischen den Servern nochmal alles extra verschlüsselt.
Denn anfangs hatten wir das Problem, dass Konferenzen nicht über mehrere Videobridges stattfinden konnten. Wenn also eine Videobridge am Anschlag war, war die halt am Anschlag. Mittlerweile ist das Protokoll Octo zwischen den verschiedenen Videobridges aktiv. Damit niemand die Kommunikation zwischen den einzelnen Videobridges mitlesen kann, brauchten wir auch ein verschlüsseltes Overlay-Netzwerk (realisiert mit Nebula welches ebenfalls Open-Source-Software ist). Jetzt können Meetings über mehrere Videobridges stattfinden und von der Serverkapazität her theoretisch unbegrenzt viele Menschen teilnehmen. Das machen dann vermutlich aber die Clients nicht mit.
Matthias: Jitsi ist von sich aus schon recht modular aufgebaut. Beispielsweise die Videobridges, sind eine Komponente, die nur dafür sorgt, den Video- und Audiotraffic weiterzuleiten. Andere Komponenten
zeigen dann die Website an oder sorgen dafür, dass die Lastverteilung stattfindet. Diese Modularität konnten wir gut nutzen, sodass wir keine externe Software brauchen. Die einzige externe Software, wenn man das so nennen so will, ist für das Monitoring. Die hat mit Jitsi an sich nichts zu tun, nutzt aber eine Schnittstelle, die Jitsi schon bereitstellt.
netzpolitik.org: Inwiefern ist Jitsi bei euch verschlüsselt?
Matthias: Jitsi nutzt WebRTC als Standard. Das ist ein Protokoll, das schon selbst auf verschlüsselte Verbindungen baut. Die Technologie, die da genutzt wird, ist weit verbreitet. Die Seite an sich wird über https verteilt und WebRTC dient dann als als Kommunikationskanal zwischen den einzelnen Teilnehmenden.
Annika: Jitsi hat mittlerweile zusätzlich die Möglichkeit, Ende-zu-Ende-Verschlüsselung zu aktivieren. Das funktioniert mit unserer App schon sehr gut, wir haben das schon mit neun Teilnehmenden in einem Meeting getestet. Standardmäßig ist allerdings bisher nur Transportverschlüsselung aktiviert, weil nicht alle Browser das neue Feature unterstützen. Das geht erst ab Chrome 83 und da auch nur, wenn man die Experimental-Features einschaltet – oder halt mit unserer App, in der alles notwendige automatisch aktiviert ist.
netzpolitik.org: Wie funktioniert denn eure App?
Annika: Bei der App für’s Smartphone haben wir uns mit der Hopp-Foundation verständigt, dass wir auf deren App „Digitales Klassenzimmer“ verweisen dürfen. Dann müssen wir die nicht auch noch selber bauen. Man muss dazu sagen: Die ganze Infrastruktur bauen eigentlich Matthias und ich alleine. Deswegen wäre eine eigene mobile App zu viel für uns. Wir bauen aber eine Desktop-App selber und die wiederum nutzt dann auch die Hopp-Foundation als Vorlage.
netzpolitik.org: Habt ihr schon Pläne, wie es weitergeht?
Matthias: Wir sind gestartet und haben gedacht: Okay, für ein paar Monate werden wir das mal bereitstellen. Danach wird vermutlich nicht mehr so der Bedarf da sein. Jetzt haben wir aber vor, die Plattform noch länger zu betreiben – und sei es nur für interne Zwecke. Wir sind mittlerweile auch von Jitsi an sich überzeugt. Das ist eine gute Software, die man auch gut warten kann. Klar gibt es noch ein paar Baustellen, aber im Großen und Ganzen kommen wir gut damit zurecht. Zuerst wollen wir das weiter betreuen, so wie es jetzt ist. Wir finanzieren das Projekt mit Spenden und solange da genug Spenden reinkommen, können wir auch die Videobridges und die Server weiter bezahlen.
Annika: Wir haben aber auch schon mit der Hopp-Foundation gesprochen, ob die nicht eventuell Interesse hätten, das weiterzuführen oder ob man irgendwie kooperiert. Wir sind da also in Gesprächen. Und wenn wir unsere Jitsi-Server doch abschalten würden, dann auf jeden Fall mit ein
paar Monaten Vorlauf. Wir sind uns der Verantwortung bewusst: Viele Schulen, Vereine und anscheinend auch eine Universität aus Peru, die bauen auf uns. Schon alleine aus sozialer Verantwortung können wir das Projekt nicht einfach so fallen lassen.
netzpolitik.org: Ist die Politik denn mal an euch herangetreten und hat euch Hilfe angeboten?
Annika: Nicht, dass wir wüssten. Also jedenfalls nicht über Kanäle, die uns bekannt sind.
Matthias: Man muss ja schon fast sagen, dass die Politik es unsere ehrenamtliche Arbeit teilweise unnötig schwer macht: Als Freifunk-Verein gelten wir nicht als gemeinnützig. Da wir deswegen z.B. keine Spendenbescheinigungen ausstellen dürfen, fallen Spenden weg oder geringer aus.
netzpolitik.org: Die Gemeinnützigkeit für Freifunk-Vereine wurde ja im Koalitionsvertrag der Großen Koalition versprochen und es ist traurig, dass Ihr und viele andere weiter bei Eurem Engagement im Regen stehen gelassen werdet. Aber vielleicht wird die Münchener Kommunalpolitik mit diesem Interview auf Euch aufmerksam, immerhin will München wieder mehr Open Source wagen und ihr zeigt anschaulich, was da möglich ist. Viel Erfolg und danke für die Einblicke.
